Vereinsgründung 28.01.2006

Auszug aus der Gründungsrede

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ehe wir zur Gründung des Vereins "Heinrich Schütz in Dresden" schreiten, erlaube ich mir, Ihnen in gebotener Kürze unsere Motivation zur Vereinsgründung, sodann aber die Vereinsziele und die von uns angestrebte Verfahrensweise der künftigen Vereinsarbeit darzulegen. Seit dem Jahre 1979, in dem bereits Pläne zum Wiederaufbau des Schlosses erstellt waren, verfolge ich mit Zeitungsartikeln, Denkschriften und dergleichen das Ziel, die als Raum wiedererstandene Schloßkapelle , die als solche seit 1737 nicht mehr existierte, vorrangig für die Darbietung von Musik, besonders Alter Musik, zu gewinnen. Die große musikgeschichtliche Bedeutung dieses Raumes, seine Aura, die er besonders durch die jahrzehntelange Tätigkeit Heinrich Schütz’ in ihm erhielt, verpflichtet uns als kunst- und geschichtsbewußte Bürger, ihn einer dieser Geschichte entsprechenden Nutzung zuzuführen. Von gleicher Wichtigkeit ist der Gedanke, daß die Musik als "Klingkunst" im Reigen der anderen Künste im Gesamtzusammenhang des Schlosses als eines großartigen Museumskomplexes ihren zentralen Platz bekommen soll. Und der Raum als solcher bietet zum ersten Male Gelegenheit, Werke, die für ihn komponiert wurden, in ihren originalen Raum- und Platzdimensionen aufzuführen. Ein wichtiges Vorhaben ist der Nachbau der Gottfried-Fritzsche-Orgel von 1612, die für einen weiten Umkreis die einzige Renaissance-Orgel wäre.

Der kleine, aber sehr wertvolle und interessante Bestand an historischen Musikinstrumenten im Kunstgewerbemuseum Schloß Pillnitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden soll im Stadtzentrum, möglichst im Schloß, einen repräsentativen Saal bekommen – das ist ebenfalls ein Vereinsziel. Der derzeitige Ausstellungsort ist nur während der warmen Jahreszeit geöffnet, es fehlt eine intensive instrumentenkundliche Fachbetreuung. Zwei Amati-Violen, die - als Rest größerer Instrumentenkäufe in Italien - wahrscheinlich durch Heinrich Schütz nach Dresden gelangt waren, bilden dabei einen der Grundsteine dieser Sammlung.
Die "Musikstadt Dresden" hat auch in dieser Beziehung mehr zu bieten, als dies bislang ins öffentliche Bewußtsein getreten ist. Ein musealer Instrumentenraum im Schloß in der Nähe der Schloßkapelle als Ort der erklingenden Musik soll einem sachlich begründeten und dringenden Bedürfnis Genüge tun.

Heinrich Schütz starb 1672 in Dresden und wurde mit einer Art Staatsbegräbnis in der alten Frauenkirche in einer Gruft beigesetzt. Gruft und Gruftplatte sowie das an der Wand angebrachte Epitaph verschwanden mit dem Abriß der alten Frauenkirche in den 1720er Jahren. Der Verein strebt an, in der jetzt wiedererstandenen Frauenkirche an etwa der Stelle, wo in der alten Frauenkirche Gruftplatte und Epitaph sich befanden, eine Gedenkplatte als Bodenplatte und die Nachbildung des Epitaphs, dessen Wortlaut überliefert ist, an einer der Wände zu installieren, um dem großen Komponisten eine würdige Gedenkstätte in Dresden zu geben.

Schließlich wird sich der Verein für die Förderung von Konzerten Alter Musik im Rahmen seiner Möglichkeiten einsetzen. Architektonische, instrumentenbezogene, musikwissenschaftliche und musikpraktische Tätigkeit bilden, recht verstanden, eine höhere Einheit und sind in unmittelbarem Bezug aufeinander zu verstehen. Von daher ist die Musikerschließung sowohl als Notentext als auch im erklingenden Werk und nach Möglichkeit die Fixierung des jeweiligen Werks auf CD integraler Bestandteil derjenigen Dresdner und sächsischen Musikkultur, für die sich unser Verein einsetzen will und soll.

Unsere Vereinsarbeit versteht sich von vornherein in der Wahrnehmung unseres demokratischen Mitspracherechts als Initiativunternehmen, künstlerische und kulturelle Anliegen im Sinne des Allgemeininteresses zu artikulieren und verwirklichen zu helfen. Sie wird dies in möglichst enger Zusammenarbeit mit den jeweils verantwortlichen Ämtern und öffentlichen Stellen tun. Mit seiner fachlich kompetenten Stimme erstrebt der Verein, in Zukunft bei allen Entscheidungsfindungen, die Vereinsziele tangieren, mitzuwirken.

Eine der Hauptaufgaben des Vereins wird sein, Sponsoren in aller Welt zu gewinnen für die Verwirklichung einiger unserer Vereinsziele: für den Orgelbau in der Schloßkapelle und für die Förderung der musikpraktischen Arbeit vor allem unserer Dresdner Ensembles. Geplant sind Werbekampagnen in Europa, den USA, Japan und anderen Teilen der Erde, wo man mit dem Namen und der Musik Schützens bereits gute Erfahrungen gemacht hat. Diesbezügliche Vorgespäche wurden bereits geführt.

Die Initiatoren des Vereins geben sich nicht der Illusion hin, mit Schloßkapelle und Schützhaus, mit Instrumentensammlung und Schütz-Gedenktafeln eine der Frauenkirche vergleichbare Aktion starten zu können. Sie wissen aber andererseits genau, daß die weniger spektakulären Ziele des Vereins, zu denen denkbarerweise auch neue hinzukommen können, sobald sie erreicht sind, dem Mosaik der Kunststadt und nicht weniger der Musikstadt Dresden mehrere weitere kostbare Steine einfügen werden.
Was wir erstreben, hätte gut und gerne schon vor hundert Jahren, als die Stadt noch stand, in die Tat umgesetzt werden können. Unter schwereren Bedingungen gehen wir heute diese Aufgaben an und rechnen zuversichtlich mit der Beteiligung vieler kunstbewußter Zeitgenossen des In- und Auslands. Wir wollen mit unserer Vereinsgründung zwar nicht den "Ruf aus Dresden" plagiieren, der zu seinem überwältigenden Frauenkirch-Erfolg geführt hat, aber ein "Ruf" ist es allemal, fortzufahren in dem globalen Bemühen, der Stadt und ihrer großen Geschichte wieder zu dem Platz unter den Kunststädten der Welt zu verhelfen, der ihr zukommt. Jeder ist eingeladen, durch seine Mitgliedschaft und durch seine aktive Mitarbeit daran mitzuwirken.

Dresden, am 28. Januar 2006 Prof. Dr. Wolfram Steude